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“Wir kontrollieren unsere User nicht” - Interview bei Focus Online

Im Juni erscheint der Web-Browser Firefox 3. Entwicklungsleiter Mike Schroepfer spricht im Interview über die Konkurrenz zu Microsoft und neue Funktionen.

Der Informatiker Mike Schroepfer betreut als Entwicklungsleiter bei der Mozilla Stiftung das Herz der Organisation – die Gruppe der Programmierer und Ingenieure. Das Open-Source-Projekt Mozilla entwickelt neben dem Browser Firefox auch das E-Mail-Programm Thunderbird. Die Neuauflage von Firefox soll 15 000 Verbesserungen enthalten.

 

FOCUS Online: Herr Schroepfer, 550 Millionen Menschen weltweit haben Ihren Web-Browser Firefox heruntergeladen …

Mike Schroepfer: Das stimmt, aber das bedeutet nicht, dass wir auch 550 Millionen User haben. Wir gehen von einer Nutzerzahl von 170 Millionen aus, was immer noch sehr viel ist.

FOCUS Online: Trotz dieser hohen Zahl haben Mozilla und Firefox immer noch ein „Underdog-Image“ und gelten im Browser-Krieg als die Guten. Stimmt das Bild überhaupt noch, oder ist Mozilla inzwischen eine ganz normale, kommerzielle Firma geworden?

 

 

 

 

Mike Schroepfer: Ich bin fest davon überzeugt, dass wir auf der Seite unserer User stehen. Das Mozilla-Projekt wird von der nicht kommerziellen Mozilla Foundation geleitet. Außerdem ist das, was wir produzieren – den Firefox-Code – ein öffentliches Gut. Er steht für alle zum Download bereit. Man kann den Code lesen, von ihm lernen, ihn verändern, und das Ergebnis wieder veröffentlichen. Wir wollen unsere User nicht kontrollieren. Wir wollen ihnen Macht geben. Das ist ein entscheidender Unterschied zum führenden Browser-Anbieter. Mozilla ist zwar eines der erfolgreichsten Open-Source-Projekte, konkurriert aber mit Produkten von Organisationen, die 100-mal größer sind als wir.

FOCUS Online: Befürchten Sie manchmal, dass Firefox dasselbe Schicksal droht wie all den anderen Browsern, die gegen Microsoft antraten?

Mike Schroepfer: Ich glaube, dass Open-Source-Produkte selten sterben. Microsoft hatte Erfolg damit, Netscape zu töten, aber Netscape brachte Mozilla hervor, bevor es starb. Und Mozilla hat Netscape überlebt, weil Mozilla ein Code ist und Netscape eine Firma war. Wir hoffen, dass es Mozilla sehr lange geben wird. Sollte das Projekt jedoch trotzdem scheitern, wird es den Code so lange weiterhin geben, wie er nützlich ist. Schauen Sie sich das Betriebssystem Unix an: Immer weniger Leute nutzen es, aber ein großer Teil des Codes ist in Linux integriert. Firefox war der erste Browser in der Geschichte, der dem Internet Explorer Marktanteile abjagen konnte. Und der neue Firefox 3 ist der beste Browser, den wir bisher herausgebracht haben. Wir hoffen also, dass wir diesen Trend fortsetzen können.

FOCUS Online: Die Deutschen sind nach den Amerikanern die häufigsten Firefox-Nutzer. Warum ist der Browser hier so erfolgreich?

Mike Schroepfer: Was soll ich sagen – die Deutschen sind halt klug! Aber ernsthaft: Es gibt bestimmte Merkmale in der deutschen Kultur, die unseren Ansatz und unser Produkt für deutsche Nutzer ansprechend machen. Unser Interesse an Sicherheit und Privatsphäre ist eines davon. Der deutsche Hang zu guter Technik und umfassender Qualität hilft uns ebenfalls. Auch die Tatsache, dass Open-Source generell in Deutschland und anderen Teilen Europas besser verstanden wird als anderswo auf der Welt, trägt zur Firefox-Verbreitung bei.

FOCUS Online: Microsoft hat nach und nach immer mehr Funktionen übernommen, die durch Firefox bekannt geworden sind, zum Beispiel Tabs. Macht Sie das wütend?

Mike Schroepfer: Die Mission von Mozilla ist es, Wahlfreiheit und Innovation im Internet voranzutreiben. Darum sind wir sehr glücklich, dass Microsoft neue Versionen des Internet Explorers herausbringt. Das ist ein großer Erfolg für uns.

FOCUS Online: Microsoft beherrscht mit dem Internet Explorer den Browser-Markt. Warum sollte man trotzdem Firefox nutzen?

Mike Schroepfer: Dafür gibt es viele Gründe. Einige davon sind technischer Art, zum Beispiel die bessere Speicherverwaltung bei Firefox 3. Einige haben mit der einfachen Nutzung zu tun, so wie der verbesserte Passwort-Manager oder der neue Download-Manager. Firefox ist bis zu zehnmal schneller sowie auf allen Plattformen und in 50 Sprachen verfügbar. Außerdem ist die Sicherheit viel größer, es gibt immer neue innovative Funktionen, und Firefox kann mit mehr als 5000 Erweiterungen personalisiert werden.

FOCUS Online: Sie haben die Sicherheit erwähnt. Was bringt der verbesserte Schutz vor Schadsoftware und Phishing in Firefox 3?

Mike Schroepfer: Das Internet wird zwar immer wichtiger in unserem Leben, aber nicht jeder kennt die potenziellen Gefahren des Netzes. Der neue Schutz vor Schadsoftware überprüft jede Seite, die man besucht, und warnt, wenn eine davon möglicherweise den Computer attackiert oder Daten stehlen will. Dabei hilft auch die neue Funktion zur Identifikation einer Seite, die man mit einem Klick aufrufen kann. Schadsoftware kann sich auf jeder Website befinden, auch wenn der Betreiber davon nichts weiß. Darum ist es entscheidend, dass der User immer geschützt wird.

FOCUS Online: Tausende Entwickler haben mitgeholfen, um Firefox 3 zu verbessern. Ist es nicht schwierig, die Arbeit von so vielen Menschen weltweit zu koordinieren?

Mike Schroepfer: Es ist eine eindrucksvolle Erfahrung, die gleichzeitig zutiefst demütig macht, wenn man sieht, mit wie viel Talent und Leidenschaft die Mozilla-Community tätig ist. Es macht viel Arbeit, aber wir haben alle ein gemeinsames Ziel. Wir organisieren uns in kleinen Teams mit Leitern. Diese werden von ihren Mitstreitern ausgewählt, weil sie gute Arbeit machen und gute Entscheidungen treffen. Wir haben also ein Meritokratie-System: Jeder nimmt die Rolle ein, die ihm aufgrund seiner Leistung zusteht. Außerdem ist unser Anliegen, Autoritäten und Entscheidungen soweit wie möglich zu teilen. Das alles ist wichtig, um Herausforderungen wie Zeitzonen, Sprachen und Geografie überwinden und eine große Gruppe von Menschen organisieren zu können. Wir legen außerdem sehr viel Wert auf Transparenz. Es gibt also eine sehr geringe Wahrscheinlichkeit für irgendwelche Hintergedanken oder Geheimnisse.

FOCUS Online: Wie geht es weiter?

Mike Schroepfer: Wir werden auch weiterhin daran arbeiten, das Internet als Plattform und das User-Erlebnis innovativer zu machen. Dazu gehören mehr Leistung und die Integration grafischer Kapazitäten wie 3-D und Video, ohne dass dafür Plugins notwendig sind. Die Entwicklung der Technologie, die einmal zu Firefox 4 werden wird, läuft schon seit einem Jahr. Auch die Arbeit an Mozilla Mobile geht voran. Die Software basiert auf der fantastischen Plattform, die hinter Firefox 3 steckt. Innerhalb eines Jahres sollten die ersten Produkte erscheinen.

 

Firefox 3

Mozilla hat 15 000 Verbesserungen für den innerhalb von drei Jahren komplett überarbeiteten Open-Source-Browser Firefox 3 angekündigt. Zu den wichtigsten gehört, dass der kostenlose Browser schneller und sicherer sein soll – sowie weniger Speicherplatz benötigt. Auch das Setzen von Lesezeichen wird nach Auskunft von Mozilla dank einer intelligenten Adressleiste einfacher sein. Eine Seite, die man besucht hat, soll leichter wiederzufinden sein als bisher: Dazu muss der User nur den Anfang eines Wortes tippen, das entweder im Titel oder der Addresse erwähnt wurde – Firefox soll dann die Seite finden.

 



4 Reaktionen zu ““Wir kontrollieren unsere User nicht” - Interview bei Focus Online”

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